Kirchen

Ekklesia und Synagoga

Das neugotische Portal an der Nordseite der Kirche St. Peter und Paul und die beiden anderen Portale (eines ebenfalls an der Nordseite und das andere an der Südseite) wurden vermutlich in den 50iger Jahren des 19.Jh. während einer umfangreichen Restaurierung der Kirche angebracht. An dieser Stelle befand sich früher ein polygonaler, aus fünf Seiten des Achtecks gebildeter Anbau, der vermutlich bis zur Mitte des 19. Jh. hier gestanden hat. Der Eingang wird bis heute als „Brauthalle“ bezeichnet, weil in der früher existierenden Vorhalle die Brautleute ihren Ehevertrag unterschrieben (standesamtliche Hochzeit) und dann zur kirchlichen Hochzeit in die Kirche einzogen.

Ekklesia und Synagoga zu Seiten von Christus ist das Thema der Darstellung der drei Figuren. In der Mitte ist Jesus dargestellt, der in der linken Hand ein geöffnetes Buch zeigt und die andere Hand zu einem Segensgestus erhoben hat. Die beiden Frauen repräsentieren das Christentum und das Judentum. Die Frau auf der rechten Seite von Jesus ist die Ekklesia. Sie trägt ein Kreuz in der einen Hand. Es ist das Zeichen für die Lebenshingabe Jesu am Kreuz. Der Kelch in der linken Hand deutet auf die Frucht seiner Hingabe hin, das neue Leben, das in der Heiligen Messe unter den Zeichen von Brot und Wein gefeiert wird. Auf dem Kopf, der Jesus zugewandt ist, trägt die Ekklesia ein Siegeszeichen, eine Krone.

Die Synagoga, die Frau auf der linken Seite von Jesus, trägt keine Krone. Ihre Augen tragen eine Binde und ihr Gesicht ist von Jesus abgewandt. In der rechten Hand hält sie einen Schafskopf und in der linken einen zerbrochenen Stab. Der Schafskopf ist eine Anspielung auf die Tieropfer, wie sie früher im Judentum üblich waren. Der zerbrochene Stab meint den Bund mit Gott, der gebrochen wurde.

Es gab schon früh in der Geschichte des Christentums Darstellungen, in denen die (christliche) Kirche und das Judentum dargestellt wurden. Waren es anfangs gleichwertige Darstellungen, so entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte Darstellungen, die immer mehr die Erwählung der einen Seite und die Blindheit und Untreue der anderen Seite herausstellten. Es kam zu einer Abwertung bzw. Verwerfung des Judentums. Die Binde vor den Augen der Synagoga versinnbildlicht das Unvermögen des Judentums, die Wahrheiten des Christentums zu erkennen.

Die Ähnlichkeit der Figuren steht in der Tradition der Idee, dass Gott den (Alten) Bund mit dem Volk Israel mit der Kreuzigung Christi verwarf und seine Erwählung auf die (christliche) Kirche übertrug. Erst in den vergangenen Jahrzehnten haben sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche diese Auffassung revidiert.

Die überkommene Abwertung bzw. Verwerfung des Judentums ist heute nicht mehr Teil der christlichen Lehre und entspricht damit nicht dem christlichen Glauben. Die existierenden Darstellungen in unseren Kirchen sind nicht als Visualisierung bzw. Deutung des christlichen Bekenntnisses, sondern als Hinweis auf seine Schuldgeschichte zu lesen. Durch solche despektierlichen Darstellungen wurde dem Antisemitismus der Boden bereitet.

Darum distanzieren sich heute die Gremien der Kirchengemeinde St. Peter und Paul von der antijüdischen Aussage der Figuren an unserer Kirche. 

„Das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965 hielt in seinem Dekret Nostra Aetate (NA) fest, dass „man die Juden nicht als von Gott verworfen oder verflucht darstellen“ dürfe. Das Konzil wollte für das christlich-jüdische Verhältnis „die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist“.  (…) Sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche bekennen sich dazu, dass der Bund Gottes durch Jesus Christus nicht im Widerspruch zum Bund Gottes mit dem jüdischen Volk steht. „(aus: … und jetzt?, Leitlinie für den Umgang mit antijüdischen Bildwerken in und an Kirchenräumen.  Herausgegeben von: den katholischen (Erz-)Bistümern und evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen, 2025).

Wenn in unserer Zeit wieder vermehrt antisemitische Gedanken in Wort und Tat auftauchen und unreflektiert übernommen werden, so kann die Darstellung an unserer Kirche eine Mahnung sein. Jesus, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte und Jude war, ist derjenige, der uns Menschen miteinander verbindet und uns aufruft, einander wertzuschätzen und in Liebe anzunehmen.

Pfr. Ludwig Verst

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